Heiterer Schwank aus dem Leben der Heuschrecken

Ein knapper Monat ist seit meinem letzten Besuch in der Tuffgrube vergangen. Es ist nun also wieder an der Zeit, dem trockenheißen Biotop eine kleine Stippvisite abzustatten. Sehr gespannt war ich schon, was mich aus dem Bereich der Fauna und Flora erwartet. Was ich tatsächlich angetroffen habe, war vor allem eine Unmenge an Heuschrecken aller Couleur. Ein spannendes Feld, denn es gibt jede Menge im Detail zu beobachten.

Fotografische Annäherung

Die Grundherausforderung besteht zunächst im Auffinden des gewünschten Motivs. Die posierlichen Tierchen passen sich nämlich unglaublich gut an die Umgebung an. Später mehr dazu. Hilfreich ist deswegen, intensiv die Umgebung zu beobachten. Bei jedem auch noch so vorsichtigen Schritt springen mehrere Grashüpfer durch die Luft. Wer kann, der spannt die Flügel auf und spendiert dem Sprung noch eine Flugphase. Nun gilt es aufzupassen und sorgsam die Landeposition auszumachen.

Die erste Frage ist nun, ob ein frontales Portrait oder eine Seitenaufnahme erwünscht ist. Dementsprechend sollte man sich nun in einiger Entfernung positionieren, dabei aber das Objekt der Begierde nicht aus den Augen verlieren. Schnell sieht jeder Quadratzentimeter auf dem Boden wie der andere aus.

Nun heißt es runter, auf Augenhöhe zum Motiv! Ich habe diesmal die Kamera auf einen Bohnensack gelegt. Und nun geht es Zentimeter für Zentimeter vorwärts im Dreiklang: Fokussieren, Abdrücken, Vorrücken. Irgendwann haben wir die Naheinstellgrenze des Objektivs erreicht. Wer näher robbt, der kann nicht mehr fokussieren.

Wer sich seitlich an die Heuschrecke seiner Wahl heranpirrscht, der hat im Makrobereich die Herausforderung die 90-Grad-Ebene zum Motiv genau zu treffen. Erstens, weil sich genau 90-Grad im Gelände, ohne Geodreieck, flach auf dem Boden liegend und um Luft ringend, schlecht einnehmen lassen. Zweitens, weil sich die Heuschrecken doch tatsächlich manchmal mitdrehen. So wie Du sie sehen willst, möchten sie Dich auch sehen. Mit viel Geduld, seitlichen Rutschbewegungen und jeder Menge Bilder lässt sich das Problem aber in den Griff kriegen.

Die Blauflügelige Ödlandschrecke

Auf der Viererserie oben habt Ihr sie schon gesehen, die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens). Ihren Namen hat sie von den tiefblauen Hinterflügeln. Die sind im Ruhezustand von den Vorderflügeln verdeckt und damit nicht sichtbar. Wenn sie aber aufgeschreckt wird, dann fliegt sie davon und zeigt für den Augenblick des Fluges ihre wahre Farbenpracht.

Zunächst einmal möchte ich Euch eine Larve der Blauflügeligen Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) zeigen. Anhand der kurzen Fühler sehen wir schnell, dass es sich um eine Kurzfühlerschrecke (Caelifera) handelt. Die noch nicht fertig ausgebildeten Flügel zeigen, dass es sich hierbei noch nicht um ein ausgewachsenes Tier handelt.

In der Tuffgrube

Eine Larve der Blauflügeligen Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) in Nahaufnahme

Wenn die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) ausgewachsen ist, dann sieht sie aus wie in dem Bild unten. Jetzt überragen die Hinterflügel den Hinterleib. Wie Ihr die Art von der ähnlichen Blauflügeligen Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) unterscheiden könnt, ist wunderbar in dem tollen Buch „Die Heuschrecken Deutschlands und Nordtirols“ beschrieben. Eine kurze Rezension dieses Buches könnt Ihr auf meiner entsprechenden Literaturseite nachlesen.

In der Tuffgrube

Die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) von der Seite betrachtet

Während ich flach auf dem Boden liege und mein Motiv und ich uns gegenseitig durch die Kamera beobachten, gelingt mir die unten dargestellte Dreierserie. Die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) hat zunächst beide Fühler gen Boden gerichtet. Nach und nach richtet sie wie eine Doppelantenne zunächst den einen, dann den anderen Fühler auf. Es scheint fast, als wäre sie den Dreharbeiten zu „Men in Black“ entkommen und wollte, manisch-depressiv vom intensiven Studium der Verhaltensmuster des sogenannten Homo sapiens, ihrem Mutterschiff zufunken: „Beam me up, there is no intelligent life on this planet!“.

Unbestimmte grüne Grashüpfer-Larve

Inmitten der Myriaden von Blauflügeligen Ödlandschrecken (Oedipoda caerulescens) erspähe ich plötzlich einen grünen Fleck mit zwei gelben Farbklecksen darauf. Also Haltung annehmen, flach auf den Boden, die Annäherung beginnt.

In der Tuffgrube

Diese Larve einer Kurzfühlerschrecke stört sich nicht an der stacheligen Umgebung

Leider sehe ich mich außer Stande diese Larve einer Kurzfühlerschrecke zu bestimmen. Dennoch ist sie eine wahre Schönheit. Die zwei gelben Farbkleckse stellen sich als die noch nicht ausgebildeten Flügel heraus. Augenscheinlich fühlt sich dieses adrette Tierchen auf ihrer Distel pudelwohl.

In der Tuffgrube

Die Larve einer nicht weiter bestimmten Kurzfühlerschrecke mit gelben Flügelansätzen in Nahaufnahme

Tarnung

Wie ich bereits eingangs erwähnte, passen sich die Heuschrecken sehr gut an ihre Umgebung an. Wenn sie sich nicht bewegen, hat der Beobachter eigentlich eher schlechte Karten. Ich möchte davon ein paar Beispiele zeigen.

Das erste Bild stammt von der Larve der bereits weiter oben gezeigten Blauflügeligen Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens). Das Bild wurde etwas weiter entfernt aufgenommen, so dass auch die Umgebung Platz findet. Meines Erachtens nach haben die Prädatoren hier sehr schlechte Karten ihr Hungergefühl zu stillen.

In der Tuffgrube

Die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) ist bestens an diese karge Vegetation angepasst

Auch die ausgewachsene Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) ist hervorragend an ihre Umgebung angepasst. Die Streifen auf ihrem Körper tragen sehr gut zum Tarnkonzept bei.

In der Tuffgrube

Die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) ist bestens an diese karge Vegetation angepasst

Aber nicht nur die grauen Arten vermögen sich zu verstecken. Nein, auch die quietschgrünen finden ein Plätzchen. Es ist als ob die kleinen Hüpfer ihre eigene Farbe kennen und sich dementsprechend verhalten würden.

In der Tuffgrube

Auch diese kleine Grashüpferlarve vermag sich gut an die Umgebung anzupassen

Rosa Morphen

Manchmal spielt die Natur aber auch einen Streich. In der Ordnung der Heuschrecken spricht man dann von Morphen. Unter anderem gibt es diese Morphen als farbliche Abweichungen. Schon öfters habe ich von rosafarbenen Heuschrecken gehört und auch Bilder gesehen. Bislang durfte ich aber noch nie selbst ein derartiges Geschöpf beobachten. Heute war es nun aber soweit. Am Boden erblicke ich einen rosafarbenen Punkt und folge sofort meinen Reflexen. Ab auf die Grasnarbe, ablichten. Als ich dem Tierchen näherkomme werde ich bemerkt. Meine Anwesenheit regt augenscheinlich unmittelbar den Stuhlgang des Tierchens an, wie man auf dem mittleren Bild unschwer erkennen kann. Bei näherer Betrachtung ist zu erkennen, dass dieses kleine Wesen ein bislang kurzes, aber kein leichtes Dasein hinter sich hat. Ihm fehlt ein komplettes Sprungbein. Vermutlich ist das seiner Färbung geschuldet, die ein Verstecken vor Fressfeinden nahezu unmöglich macht. Eventuell handelt es sich hierbei um die Larve einer Nachtigall-Heuschrecke (Chorthippus cf. biguttulus). Ob sie wohl weiß, dass sie eine wunderschöne Laune der Natur ist?

Nach dieser Erstbegegnung treffe ich kurze Zeit später auf ein weiteres Exemplar. Dieses ist noch voll intakt. Aus Freundlichkeit dem Fotografen gegenüber posiert diese wunderschöne Heuschrecke auf einem kleinen Steinchen. Noch einmal kurz am Auge gekratzt und schon kann das Shooting losgehen.

Fazit

Das war ein Spaß heute. Bislang wußte ich noch nicht, wieviel sich beim Fotografieren von Heuschrecken entdecken läßt. Ich habe schon Ideen für weitere Exkursionen. Vorrangig interessiert mich, ob es die rosafarbenen Morphen von der Larve zur Heuschrecke geschafft haben. Reizvoll fände ich auch Frontalportraits mit größerem Maßstab. Mal sehen, was das Jahr noch so bringt. Ich möchte Euch die Vielfalt der Heuschrecken aber nachdrücklich ans Herz legen!

Andreas Sebald

Seit meiner Kindheit bin ich begeisterter und immer wieder von neuem staunender Naturliebhaber. Aus dieser Leidenschaft haben sich im Laufe der Jahre meine beiden Hobbies entwickelt, das Wandern und die Naturfotografie. Diesen beiden Themen ist auch mein Internet-Auftritt gewidmet.

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