Pilzfotografie nach frostiger Nacht

Der Frost verleiht vielen Motiven ein besonders attraktives Äußeres. Das gilt natürlich auch für die Pilzfotografie. Deswegen waren die Rahmenbedingungen der letzten Tage optimal. Dem bislang sehr milden Winter folgten zuletzt zwei kältere Nächte. Des Morgens hatte der Frost eine weiße Schicht voller Eiskristalle auf den Wiesen und Bäumen hinterlassen. Bei angenehmer Kälte und strahlend blauem Himmel möchte ich deshalb unbedingt unserem Waldstück einen Besuch abstatten. Mein Ziel ist es, mit Eiskristallen benetzte Pilze zu fotografieren.

Bild 1: Die Frostbeule

Kaum bin ich im Zielgebiet angekommen, findet sich auch schon das erste Opfer. Das kleine Kerlchen wächst auf einem größeren Stück Totholz und ist komplett mit Eiskristallen überzogen. Ein perfekter Start für das heutige Vorhaben. Aufgrund der Größe des Motivs entscheide ich mich für einen Abbildungsmaßstab von 2:1 und damit für das Canon MP-E 65mm f/2.8. Als Makroschlitten kommt mein modifizierter Novoflex CASTEL-Q zum Einsatz.

Bei der Pilzfotografie, wie auch bei den meisten anderen Motiven, entstehen die besten Bilder auf Augenhöhe oder aus leichter Untersicht. Aus diesem Grund drehe ich zumeist die Mittelsäule um, so dass die Kamera unter dem Stativ hängt. Damit läßt sich fast bodennah arbeiten.

Versuche Deinen Motiven möglichst auf Augenhöhe zu begegnen!

Fokusiert wird zunächst auf den am weitesten von der Kamera entfernt liegenden Punkt, der noch scharf sein soll. So sollte man vorgehen, da die hinterste Aufnahme beim Fokus Stacking den Bildausschnitt bestimmt. Insgesamt 51 Bilder mit Blende f/4.0 und 1,0 sec Belichtungszeit werden benötigt, bis auch der vorderste Punkt endlich in der Schärfeebene auftaucht.

Um den späteren Bildausschnitt möglichst präzise festzulegen, sollte sich der Makroschlitten beim Fokus Stacking zur Kamera hin bewegen.

Am heimischen PC erfolgt nun eine grundlegende Bearbeitung in Lightroom. Insbesondere das Angleichen der Belichtungen der Aufnahmen ist vor dem Export an die Fokus Stacking Software wichtig, um unschöne Farbverläufe im späteren Bild zu verhindern.

Für gute Ergebnisse beim Fokus Stacking sollten die Einzelaufnahmen möglichst gleiche Lichtverhältnisse aufweisen.

Nach dem Export an Helicon Focus Pro werden die 51 Aufnahmen zu einem Bild zusammengerechnet. Bevor ich die Bearbeitung in Lightroom finalisiere, wird der Hintergrund mit Hilfe von Dfine entrauscht. Dieses Programm ist Teil der inzwischen kostenfreien Google Nik Collection, die hier zum Download bereit steht.

Vollständig mit Eiskristallen bedeckter kleiner Pilz

Bild 2: Das glühende Öhrchen

Ein paar Meter weiter treffe ich auf das Judasohr (Auricularia auricula-judae). Dieser sonst gerne an Holunder vorkommende Pilz entspringt in diesem Fall einem am Boden liegenden Rotbuchenast.

Das Judasohr ist für eine Belichtung von hinten wie geschaffen. Deswegen bringe ich auch schon den ersten Blitz in Position. Dann passiert das erstaunliche. Die Sonne hat sich plötzlich entschieden, die Belichtung selbst zu übernehmen. Jetzt muß der Stack schnell ablaufen, da sich sonst aufgrund der Abschattung durch die Bäume die Lichtverhältnisse sehr schnell wieder ändern. Insgesamt mache ich 28 Aufnahmen bei Blende f/4.0 und einer Belichtungszeit von 1/8 Sek. Leider habe ich in der Kürze der Zeit nicht sauber gearbeitet. So fehlt im rechten Bereich des Judasohres eine ganze Ecke mit Schärfe.

Nimm Dir Zeit! Prüfe zunächst den gewünschten Schärfebereich am Motiv aus allen Blickwinkeln und beginne erst dann mit dem Stack. Am PC lassen sich versäumte Bilder nicht mehr nachholen!

Zuhause am PC habe ich Photoshop CC zum Stacken der Bilder bemüht. Am Ergebnis haben mir die Farbverläufe im Hintergrund sehr gut gefallen. Teile des Judasohres waren allerdings etwas unscharf. Deswegen habe ich es zusätzlich mit der Methode B von Helicon Focus Pro versucht. Hier waren die Teile des Pilzes scharf, dafür war der Hintergrund unspektakulär. Deswegen habe ich das Beste aus den beiden gestackten Bildern mit Hilfe von Ebenen in Photoshop kombiniert.

Erkenne die Möglichkeiten Deiner Software und lerne sie kreativ zu nutzen!

Das abschließende Bild des sonnendurchleuchteten, gefrorenen Judasohres seht Ihr hier.

Gefrorenes Judasohr (Auricularia auricula-judae) im Licht der Morgensonne

Bild 3: Der Standhafte

Weit brauche ich heute nicht zu gehen. Gerade einmal einen Meter vom Judasohr entfernt steht ein Lamellenpilz. Mit seinem bräunlichen Äußeren hat er sich seiner Umgebung hervorragend angepaßt. Ständig muss ich aufpassen, um nicht auf ihn zu treten.

Auch dieser Pilz ist auf seiner Hutoberfläche noch gezeichnet von der kalten Nacht. Wie beim letzten Bild, so nutze ich auch hier den Moment der natürlichen Belichtung durch die Sonne. Insgesamt mache ich 31 Aufnahmen mit einer Blende von f/5.6 und einer Belichtungszeit von 1/4 sec.

Am PC beginne ich wie immer mit der Methode B von Helicon Focus Pro. Sie liefert die beste Farbtreue zu den Originalbildern und meistens auch die qualitativ besten Bilder. Allerdings kommt es manchmal bei ungleichen Belichtungen und Änderungen in der Lichtsituation zu unschönen Farbverläufen im Bild. Außerdem kann Methode B, auch nach Variieren der Parameter, nicht so gut mit hintereinanderliegenden Bereichen umgehen. Hier kommt es manchmal zu unschönen Effekten an den Kanten. So ist es auch in diesem Fall. Von rechts vorne nach links hinten verläuft auf dem Pilzhut eine trichterförmige Einsenkung. Entlang dieser Kante liefert Methode B einen schmierigen, unscharfen Bereich. Dieser Bereich der verschmierten Unschärfe wird auch als Halo oder Halo-Effekt bezeichnet.

Aus diesem Grund versuche ich es mit Methode C. Sie hat ihre Stärken in Bereichen, die sich überlappen. Dafür leidet insbesondere die Brillanz der Farben. So ist es auch hier. Die Farben sind flauer, dafür sind die überlappenden Bereiche deutlich besser dargestellt.

Eine detaillierte Beschreibung der drei Methoden von Helicon Focus Pro findet Ihr hier.

Falls Du Helicon Focus Pro nutzt, versuche grundsätzlich alle Methoden. Zumindest für mich ist das Ergebnis nicht immer prognostizierbar.

Photoshop CC muss es dann mal wieder richten. Mit Hilfe von Ebenen und einer Ebenenmaske werden die beiden Bilder zu dem unten stehenden Bild zusammengerechnet.

Frostige Pilze

Mit Frost überzogener Lamellenpilz zwischen Buchenlaub

Bild 4: Braune Eiskugeln

Auch das nächste Fundstück liegt nicht weit. Auf einem am Boden liegenden Buchenast entdecke ich kleine schwarze Punkte. Dass es sich um eine Kohlenbeere (Hypoxylon spec.) handelt, ist schnell klar. Die weitere Bestimmung der Art muss hingegen leider entfallen. Da es sich um relativ kleine Exemplare handelt, entscheide ich mich für einen Abbildungsmaßstab von 3:1. Der Bildausschnitt ist also knappe 12mm breit.

Da aufgrund des geringen Abstands zwischen Motiv und Objektiv wenig Licht auf die Pilzkörper fällt, kommt nun ein Blitz zum Einsatz. Der wird auf 10 Uhr, hinter dem Motiv, positioniert. Auf vier Uhr, vor dem Motiv, wird ein Reflektor positioniert, der das Blitzlicht zum Aufhellen wieder zurückwirft. Insgesamt mache ich 28 Bilder mit einer Blende von f/5.6 und einer Belichtungszeit von 0,6 sec.

Lerne Blitze und Reflektoren zu nutzen, um Belichtungszeiten niedrig zu halten, die Farben des Motivs hervorzuheben und zu hohe Kontraste im Bild zu vermeiden.

Dieses Bild wurde anschließend komplett mit Photoshop CC gestackt. Mit dem Ergebnis war ich ohne Retusche sehr zufrieden. Meiner Ansicht nach hat sich auch der Stacking-Algorithmus von Photoshop CC verbessert.

Frostige Pilze

Fruchtkörper einer Kohlenbeere (Hypoxylon spec.) nach einer frostigen Nacht

Bild 5: Tic Tac on ice

Für das nächst Motiv brauche ich mich gar nicht zu bewegen. An einem anderen Ast weckt eine Vielzahl von noch kleineren, rötlichen Punkten mein Interesse. Meines Erachtens nach handelt es sich dabei um den Zinnoberroten Pustelpilz (Nectria cinnabarina). Um Details erkennen zu können entscheide ich mich für einen Abbildungsmaßstab von 5:1. Der Bildausschnitt ist also gerade einmal knapp 7mm groß.

Versuche einen Blick für die kleinen Dinge zu entwickeln. Sie bieten oft ungeahnte Formen und Strukturen.

Es kommt derselbe Blitzaufbau wie bei Bild 4 zum Einsatz. Insgesamt mache ich 27 Aufnahmen bei einer Blende von f/5.6, einer Belichtungszeit von 1,3 sec und ISO 250.

Auch dieses Bild wurde lediglich mit Photoshop CC gestackt. Es lohnt sich also wirklich, regelmäßig alle zur Verfügung stehenden Stacking Programme auszuprobieren. Schließlich werden alle ständig weiter entwickelt.

Schon mit etwas Stolz halte ich mein erstes auf Waldboden gestacktes Bild in diesem Abbildungsmaßstab in Händen.

Zinnoberroter Pustelpilz (Nectria cinnabarina) mit Eiskristallen bedeckt

Fazit

Es war zwar recht kalt, insbesondere aufgrund der Arbeitsweise recht nah am Waldboden. Die Füße waren nach einer knappen Stunde aber wieder warm. Meines Erachtens nach hat es sich aber gelohnt. Schließlich lernt man nur durch Praxis. Und ein Morgen im Wald nach einer frostigen Nacht bietet jede Menge Motive, um zu üben. Ich warte schon auf die nächste Gelegenheit.

Andreas Sebald

Seit meiner Kindheit bin ich begeisterter und immer wieder von neuem staunender Naturliebhaber. Aus dieser Leidenschaft haben sich im Laufe der Jahre meine beiden Hobbies entwickelt, das Wandern und die Naturfotografie. Diesen beiden Themen ist auch mein Internet-Auftritt gewidmet.

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