Der Abbildungsmaßstab am Schleimpilz erklärt

Der Abbildungsmaßstab ist eine wichtige Größe in der Makrofotografie. Es besteht eine unmittelbare Abhängigkeit zur  Schärfentiefe. Wer sich näher mit der Makrofotografie beschäftigen möchte, der sollte sich mit diesen Begriffen und deren Bedeutung vertraut machen. Dabei möchte ich Euch mit diesem Artikel helfen.

Ausflug in den Wald

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Eigentlich wollten wir nur kurz in den benachbarten Wald, um nach mykologischem Wachstum kurz vor Weihnachten zu suchen. Deswegen sind meine Mädels und ich mit Lupen ausgerüstet in den Wald eingerückt. Recht schnell haben wir einige Baumpilze in verschiedenen Formen entdeckt und unter die Lupe genommen. Recht schnell entdecken wir auf einem liegenden Baumstamm einige lilafarbene Gallertbecher (Ascocoryne spec.). Hier entschließe ich mich, Stativ und Kamera aufzubauen.

Exkursion Bölinger Wald

Eine Gruppe von unbestimmten Gallertbechern (Ascocoryne spec.)

Während ich die 20 Bilder für das obige Bild aufnehme, fällt mein Blick zufällig auf den neben mir liegenden Wurzelballen des Baumes. Dort sticht ein kleiner roter Klecks hervor, den ich nicht zuordnen kann. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieser Farbklecks als eine Gruppe von Fruchtkörpern eines Schleimpilzes. Die sehen so faszinierend aus, dass in meinem Kopf die Idee für diesen Artikel entsteht. Daher nun in medias res!

Der Abbildungsmaßstab

Wer sich mit Makrofotografie beschäftigt, der wird häufig über diesen Begriff stolpern. Er ist ein Maß der Vergrößerung des abzulichtenden Motives.

Der Abbildungsmaßstab ist das Verhältnis zwischen der realen Größe eines Objektes und der Abbildung auf dem Sensor der Kamera. Er ist von der Sensorgröße unabhängig.

Dem Einsteiger in die Makrofotografie empfehle ich eine Tabelle anzulegen, in welcher die Schärfentiefe in Abhängigkeit von Blende und Abbildungsmaßstab errechnet wird. Da die Schärfentiefe sehr wohl von der Sensorgröße abhängig ist, muß die Tabelle für die Kamera individuell erstellt werden.

Mit zunehmendem Abbildungsmaßstab sinkt die Schärfentiefe bei gleichbleibender Blende.

Wer sich mit der Thematik Fokus Stacking beschäftigen möchte, für den ist eine solche Tabelle Gold wert. Ich habe sie in meinem „Faulen Knecht“ abgeheftet, den ich beim Fotografieren immer bei mir habe. Die unten stehende Tabelle ist für eine Canon EOS 5D Mark III beispielhaft. Von oben nach unten seht Ihr den Abbildungsmaßstab (z. B. 1:2=0,5; 1:1=1,0; 2:1=2,0) und von links nach rechts den Blendenwert abgetragen.

In dieser Tabelle ist die Schärfentiefe in Abhängigkeit von der Blende und dem Abbildungsmaßstab abgetragen

Schärfentiefe in Abhängigkeit von Blende und Abbildungsmaßstab

Die roten Werte markieren die Bereiche, in welchen durch Beugungsunschärfe bedingt das Bild insgesamt unschärfer wird. Die roten Bereiche sollten daher vermieden werden.

Meide die Auswirkungen der Beugungsunschärfe durch eine geeignete Blendenwahl.

Abbildungsmaßstab 1:1

Gängige Makro-Objektive erreichen einen Abbildungsmaßstab von bis zu 1:1. Das bedeutet einerseits, dass das Motiv in der Realität diesselbe Größe hat, wie bei der Belichtung auf dem Sensor. Andererseits bedeutet das auch, dass der abgelichtete Bildausschnitt in der Realität genau so groß ist, wie der Sensor der genutzten Kamera.

Bei einem Abbildungsmaßstab von 1:1 ist das Objekt in der Realität genauso groß wie die Abbildung auf dem Sensor der Kamera.

Ein Beispiel. Der Sensor meiner Canon EOS 5D Mark III ist 36*24mm groß. Wenn ich ein Motiv im Abbildungsmaßstab 1:1 ablichte, dann ist der abgelichtete Bildausschnitt also auch in der Realität 36*24mm groß. Ein vier Millimeter großes Objekt wird auch mit vier Millimeter Größe auf dem Sensor abgebildet.

Ein anderes Beispiel. Eine APS-C-Kamera hat einen kleineren Sensor. Je nach Hersteller könnten das z. B. 22,5*15mm sein. Bei einem Abbildungsmaßstab von 1:1 ist der abgelichtete Bildausschnitt 22,5*15mm groß. Ein vier Millimeter großes Objekt wird mit vier Millimetern Größe auf dem Sensor abgebildet. Das bedeutet im Umkehrschluß, dass mit einem kleineren Sensor eine höhere Vergrößerung des Motivs bei gleichem Abbildungsmaßstab erreicht wird.

Nun aber zurück zu unserem Schleimpilz der Gattung Arcyria. Hier seht Ihr ein Bild der ca. 4mm großen roten Fruchtkörper im Abbildungsmaßstab 1:1.

Fruchtkörper eines Schleimpilzes der Gattung Arcyria im Abbildungsmaßstab 1:1

Für dieses Bild habe ich fünf Aufnahmen gestackt. Mit einer Blende von f/8 ergab sich eine Belichtungszeit von 4 Sekunden pro Bild. Meine Tabelle sagt mir, dass die Kombination von f/8 und Abbildungsmaßstab 1:1 eine Schärfentiefe von knapp 1mm ergibt. Das ist beim Stacken am Makroschlitten zu berücksichtigen. An diesem Bild ist aber noch etwas zu erkennen. Die durch f/8 bedingte höhere Schärfentiefe bewirkt nämlich auch den unruhigen Hintergrund.

Anhand dieses Motivs wird schnell klar, dass ein Abbildungsmaßstab von 1:1 nicht immer ausreicht, um eine ansprechende Vergrößerung zu erreichen. Aus diesem Grund kommt hier mein Lupenobjektiv Canon MP-E 65mm f/2.8 1-5x zum Einsatz. Das beginnt, wo die anderen Objektive aufhören und reicht bis zu einem Abbildungsmaßstab von 5:1. Um dieses Objektiv so richtig nutzen zu können, ist ein präziser Makroschlitten notwenig. Ich nutze den Novoflex CASTEL-Q, den ich, wie in einem anderen Blog-Artikel beschrieben, vom Hersteller modifizieren lassen habe.

Abbildungsmaßstab 2:1

Beim Abbildungsmaßstab von 2:1 werden Objekte mit vier Millimetern Größe auf dem Sensor doppelt so groß abgebildet. Mit dem gesamten Bildausschnitt tauchen wir nun mit meiner Vollformatkamera in eine Welt ein, die nur noch 18*12mm groß ist.

Bei einem Abbildungsmaßstab von 2:1 wird das Objekt in doppelter Größe auf dem Sensor der Kamera abgebildet.

Dafür müssen wir mit dem Lupenobjektiv näher ran ans Motiv. Das nimmt Licht weg und führt zu längeren Belichtungszeiten. Für diese Aufnahmesituation sind nun schon 5 Sekunden erforderlich.

Gleichzeitig sinkt die Schärfentiefe bei gleich bleibender Blende. War die Schärfentiefe beim Abbildungsmaßstab 1:1 noch bei knapp 1mm, so sind es nun nur noch 0,36mm. Das bedeutet, dass mehr Bilder für einen Stack gemacht werden müssen und dass das Arbeiten zunehmend anspruchsvoller wird. Für dieses Bild wurden 11 Aufnahmen zusammengesetzt. Dafür wirkt der Hintergrund nun schon etwas harmonischer.

Fruchtkörper eines Schleimpilzes der Gattung Arcyria im Abbildungsmaßstab 2:1

Abbildungsmaßstab 3:1

So langsam geht es ans Eingemachte. Unsere vier Millimeter großen Fruchtkörper werden auf dem Sensor nun schon dreimal so groß. Der gesamte Bildausschnitt beträgt nun nur noch 12*9mm.

Bei einem Abbildungsmaßstab von 3:1 wird das Objekt in dreifacher Größe auf dem Sensor der Kamera abgebildet.

Wir sind noch näher am Motiv, was noch mehr Licht nimmt und die Belichtungszeit auf 8 Sekunden erhöht. Bitte vergesst nicht, dass wir uns auf weichem Waldboden befinden. Das heißt, dass Spiegelvorauslösung, Auslöseverzögerung und Fernauslöser Pflicht sind. Obwohl ich ein recht stabiles Stativ habe, benötigt die Gesamtanordnung etwas Zeit, um nach der Berührung auszuschwingen.

Bei f/8 erreichen wir nun nur noch knappe 0,21mm Schärfentiefe. Deswegen habe ich für dieses Bild 14 Aufnahmen zusammengesetzt. Das Motiv ist jetzt schon gut freigestellt und der Hintergrund wirkt recht unaufgeregt.

Fruchtkörper eines Schleimpilzes der Gattung Arcyria im Abbildungsmaßstab 3:1

Abbildungsmaßstab 4:1

Unsere schöne neue Welt ist nun nur noch 9*6mm groß und die adretten Fruchtkörper werden nun schon 16mm groß auf dem Sensor abgebildet.

Bei einem Abbildungsmaßstab von 4:1 wird das Objekt in vierfacher Größe auf dem Sensor der Kamera abgebildet.

Um das weiter verlorene Licht nicht über noch längere Belichtungszeiten zu kompensieren, erhöhe ich die ISO-Empfindlichkeit von 100 auf 400.

Mit f/8 erreiche ich nun eine Schärfentiefe von 0,15mm. Eigentlich müsste ich nun auch die Blende auf f/5.6 weiter öffnen, was ich allerdings vergessen habe. Gemäß meiner Tabelle sollten mit f/8 und einem Abbildungsmaßstab von 4:1 nämlich schon Effekte der Beugungsunschärfe einsetzen. Das führt dann zu einem allgemein weniger scharf gezeichneten Bild. Das Endergebnis, gestackt aus 12 Bildern, zeigt dies dann auch bei genauerem Hinsehen.

Fruchtkörper eines Schleimpilzes der Gattung Arcyria im Abbildungsmaßstab 4:1

Aufgrund der Rahmenbedingungen verzichte ich auf eine weitere Steigerung des Abbildungsmaßstabes. Das Stacken würde gerade auf dem weichen Untergrund und der notwendigen weiteren Verlängerung der Belichtungszeiten zur echten Herausforderung werden.

Fazit

Der Waldboden bietet eine unglaubliche Formenvielfalt, die sich nur dem offenbart, der auch die Augen dafür öffnet. Die Kinder fanden es sehr spannend, diese Welt mit den Lupen zu erkunden.

Ich hoffe, dass ich mit meinem kleinen Exkurs Euer Verständnis für die Makrofotografie fördern und Euer Interesse für die unerkannten Waldbewohner wecken konnte.

Eine Lehre seitens der Software habe ich auch gezogen. Zum Stacken nutze ich nach wie vor Helicon Focus Pro, womit ich sehr zufrieden bin. Helicon bietet drei Methoden für das Stacken an. Meine Erfahrung ist, dass man durchaus alle drei ausprobieren sollte. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich, abhängig vom Motiv. Ich bin daher kein Freund davon zu sagen, dass Methode X die beste ist und ausschließlich genutzt werden sollte.

Mein nächstes Ziel ist es, eine interessantere Ausleuchtung und Hintergrundgestaltung zu erreichen. Die Ergebnisse werdet Ihr bald sehen.

Buchempfehlung

Das Auffinden der Fruchtkörper hat mein weiteres Interesse an den Schleimpilzen geweckt. Leider sind Standardwerke in der Fachliteratur immer recht teuer. So ist es auch bei den Schleimpilzen. Von einer Pilzfreundin wurde ich vor wenigen Tagen glücklicherweise darauf hingewiesen, dass es inzwischen auch einen „Kleinen Führer für Exkursionen“ gibt. Dabei handelt es sich um eine tolle Einstiegslektüre für den interessierten Einsteiger. Das Buch wird direkt vertrieben und ist nicht über die einschlägigen Buchhändler zu beziehen. Weitere Details findet Ihr hier.

Andreas Sebald

Seit meiner Kindheit bin ich begeisterter und immer wieder von neuem staunender Naturliebhaber. Aus dieser Leidenschaft haben sich im Laufe der Jahre meine beiden Hobbies entwickelt, das Wandern und die Naturfotografie. Diesen beiden Themen ist auch mein Internet-Auftritt gewidmet.

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