Making of … Mutterkorn

Vor einigen Tagen wurden mir von einer Pilzliebhaberin der Arbeitsgemeinschaft Mykologie Ulm e.V. zwei Sklerotien des Purpurbraunen Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea) anvertraut. Die Fruchtkörper auf dem ersten Sklerotium waren bereits recht groß, die auf dem zweiten Sklerotium noch recht klein. Aus diesen beiden Proben wollte ich nun ein paar Bilder erstellen.

Die Software

Vor wenigen Wochen habe ich mich entschieden, die Stacking Software Helicon Focus Pro zu erwerben. Das in der Version 6.3 verfügbare Programm kann inzwischen *.dng oder raw-Dateien aus Lightroom importieren, diese stacken, rendern und anschließend wieder als *.dng exportieren. Damit stehen für die anschließende Bildbearbeitung mehr Bildinformationen zur Verfügung. Nachdem ich sowieso bemerkt habe, dass es ziemlich zeitaufwendig ist, größere Stacks mit Photoshop CS6 zu bearbeiten, habe ich mich für den Umstieg entschieden. Ich werde zunächst beide Programme parallel verwenden, um mehr über die jeweiligen Stärken und Schwächen zu lernen. Für diesen Beitrag habe ich allerdings bereits Helicon Focus Pro genutzt.

Der Aufbau

Der Aufbau war recht einfach. Die Kamera wurde auf Makroschlitten und Stativ montiert, der Kabelfernauslöser angebracht und ein selbstgemachter Reflektor (Alufolie auf einem A5 Karton) plaziert. Das zu fotografierende Sklerotium habe ich in einem Unterteller etwas erhöht auf Blumenerde gesetzt. Die Kamera wurde gegen die Sonne ausgerichtet, da dadurch meist die interessantesten Lichtsituationen zustande kommen. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass eine Gegenlichtblende am Objektiv zwingend erforderlich ist.

20150508-iPad-AS-Anordnung

Der Aufbau der genutzten Geräte ist recht einfach gehalten

Die Aufnahme

In der Mitte unseres Garten befindet sich ein kleiner Strauch. Um eine natürlich grüne Hintergrundfarbe zu erwirken, habe ich das Sklerotium zwischen Kamera und das Gebüsch auf unserem Gartentisch ausgerichtet. Die Aufnahmen erfolgen aber gegen die Sonne mit angesetzter Gegenlichtblende. Der Reflektor wird mit der Wimberley Plamp so befestigt, dass die Beleuchtung von vorne gesichert ist. Als Motiv habe ich einen circa 4mm großen Fruchtkörper auf einem circa 2,5cm großen Sklerotium identifiziert. Um diesen möglichst groß abbilden zu können, habe ich mich für einen Abbildungsmaßstab von 4:1 entschieden. Damit entspricht das spätere Bild in Realität einer Größe von 9*6mm. Insgesamt habe ich 77 Aufnahmen im Abstand von ca. 0,1mm gemacht.

Die Bildverarbeitung

In einem ersten Versuch habe ich Helicon Focus Pro mit allen 77 Aufnahmen gefüttert und anschließend nahezu mit den Standardeinstellungen gerendert. Dabei ist folgendes Bild entstanden.

Das Bild, das aus 77 Aufnahmen zusammengesetzt wurde

Das anfängliche Bild, das aus 77 Aufnahmen zusammengesetzt wurde

In dem linken und rechten oberen Bereich kann man leicht sehen, dass mit einer Aufnahme etwas nicht stimmt. Offensichtlich ist es bei einer Aufnahme zu einer recht ordentlichen Verdrehung gekommen. Ich habe an diesem Tag mehrere Serien geschossen, so dass sich vermutlich ein Bild einer anderen Serie eingeschlichen hat. Das bestärkt mich also nun zunächst einmal die Anzahl der Bilder einzuschränken. Dazu gehe ich durch alle Aufnahmen durch und identifiziere das erste Bild mit scharfen Bildinformationen im Bereich der vorderen Hyphen. Danach suche ich nach dem letzten Bild mit scharfen Bildinformationen für den rechten oberen Rand des Fruchtkörpers. Von den ursprünglich 77 Bildern bleiben nun lediglich 31 übrig. Nach dem Rendern ergibt sich folgendes Bild.

Für dieses Bild wurden nur noch 31 Aufnahmen genutzt

Für dieses Bild wurden nur noch 31 Aufnahmen genutzt

Das sieht doch schon deutlich besser aus. Nun betrachte ich das errechnete Bild und suche nach Unschärfen, die eventuell manuell ausgesbessert werden müssen. Schnell fällt mir der rechte Rand des Fruchtkörpers auf. Um diese Unschärfe abzustellen, muss man lediglich das Bild mit den scharfen Bildinformationen für diesen Bereich finden und anschließend mit dem Retuschepinsel in Helicon Focus Pro den Bereich übermalen. Das geht recht schnell und einfach. Das entstandene Bild hat in dieser Auflösung vermutlich wenig Unterschiede zu dem oben abgebildeten. Der Vollständigkeit halber möchte ich es hier dennoch einfügen.

In Helicon Focus Pro habe ich den rechten Rand des Pilzes retouchiert

In Helicon Focus Pro habe ich den rechten Rand des Fruchtkörpers retouchiert

Es bleibt nun der Re-Import in Lightroom und die dezente Nachbearbeitung. Zunächst beschneide ich das Bild, so dass die wesentlichen Bildelemente besser zum Tragen kommen. Anschließend erhöhe ich die Farbtemperatur, den Kontrast, die Schärfe und die Dynamik. Das Endresultat ist ein Ausschnitt, der in der Realität ungefähr 6*4mm entspricht und folgendermaßen aussieht.

Fruchtkörper des Purpurbraunen Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea) im Maßstab 4:1

Fruchtkörper des Purpurbraunen Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea) im Maßstab 4:1

Fazit

Dank der beiden experimentellen Mutterkorn-Proben konnte ich einige Erfahrung im Umgang mit der Fokus Stacking Technik und der Anwendung von Helicon Focus Pro sammeln.

  1. Die erste gewonnene Erkenntnis ist, dass der Wind auch bei vermeintlich kleinen Objekten sein übles Werk verrichtet.
  2. Weiterhin durfte ich feststellen, dass Helicon Focus Pro deutlich schneller arbeitet und intuitiver zu bedienen ist als Photoshop CS6. Obwohl der Aufwand größer ist habe ich derzeit noch das Gefühl, dass Photoshop CS6 teilweise die etwas besseren Ergebnisse liefert. Das kann aber auch an meiner mangelnden Erfahrung mit den Einstellungen von Helicon Focus Pro liegen.
  3. Insbesondere bei überlappenden Objekten ist eine manuelle Nacharbeit notwendig. Mir stellt sich die Frage, ob gewisse Situationen überhaupt rechnerisch durch Software gelöst werden können. Schließlich wird bei jedem Bild der Makroschlitten verschoben und damit ergibt sich für jedes Bild ein unterschiedlicher Blickwinkel. Daher kann die Software nur ein scharfes Bild an den Stellen errechnen, für die auch scharfe Bildinformationen in irgendeiner Aufnahme vorliegen. Es empfiehlt sich daher bereits bei der Bildkomposition darauf zu achten, dass sich möglichst wenige Objekte überlagern. Falls dies nur begrenzt möglich sein sollte, könnte man sich auf einen kleineren scharfen Bildbereich beschränken. So habe ich es in diesem Beispiel auch gemacht.

Dieser kleine Exkurs hat mich viel gelehrt und mir viel Spaß gemacht. Ich freue mich schon auf weitere Erfahrungen mit meiner neuen Software und auf eine hoffentlich steile Lernkurve.

Andreas Sebald

Seit meiner Kindheit bin ich begeisterter und immer wieder von neuem staunender Naturliebhaber. Aus dieser Leidenschaft haben sich im Laufe der Jahre meine beiden Hobbies entwickelt, das Wandern und die Naturfotografie. Diesen beiden Themen ist auch mein Internet-Auftritt gewidmet.

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