Making of … Gelbflechte

Vor kurzem hat mich ein Freund darauf aufmerksam gemacht, dass ich ab und an etwas mehr Hintergrundinformationen über meine Bilder aufzeigen sollte. Deswegen folgen ab jetzt für ausgewählte Bilder, welche ich auf meinem 500px-Profil einstelle, eine kurze Bildbesprechung in meinem Blog. Beginnen möchte ich mit dem ersten Bild des Jahres 2015, welches ich gestern eingestellt habe.

Die Aufnahme

Die letzten Tage hatte ich die Gelegenheit meine beiden Bücher über Flechten etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Natürlich ist man daraufhin bei den Spaziergängen etwas sensibilisiert, der Blick geht automatisch in Richtung Baumrinden. Da momentan im Bereich der Makrofotgrafie nicht allzuviel unterwegs ist, sind die Flechten eine gern gesehene Beute. Glücklicherweise habe ich an einem Baum in unmittelbarer Entfernung zu unserem Haus einige Flechten gefunden, die ich später als Gewöhnliche Gelbflechte identifizieren konnte. Nun kommt aber zuerst einmal das Bild.

Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina) aus 22 Bildern zusammengesetzt

Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina) aus 22 Bildern zusammengesetzt

Zunächst habe ich den Baum etwas genauer betrachtet und mich für einen Ausschnitt entschieden, den ich fotografieren möchte. Dabei ist mir dieser kleine Vorsprung der Rinde aufgefallen, welcher komplett mit der Flechte bedeckt ist. Dieser Ausschnitt entspricht in der Realität ungefähr 25mm. Das bedeutet bei einem 35mm Sensor der Kamera einen Vergrößerungsmaßstab von ungefähr 1,4:1. Ein handelsübliches Makroobjektiv reicht ohne weitere Hilfsmittel (Zwischenringe, Nahlinsen, Telekonverter, …) bis zu einem Maßstab von 1:1. Deswegen habe ich entschieden, für diese Aufnahme das Canon MP-E 65mm f2.8 1-5x Lupenobjektiv zu nutzen.

Canon MP-E 65mm f2.8 1-5x MACRO

Canon MP-E 65mm f2.8 1-5x

Als nächstes habe ich mir die Frage gestellt, ob dies eine Einzelaufnahme oder ein aus mehreren Bildern zusammengesetztes Bild (Fokus Stacking) werden soll. In meinem faulen Knecht (Notizbuch) habe ich eine Tabelle für Schärfentiefe in der Makrofotografie abgeheftet. Diese sagt, dass bei einem Maßstab von 1,5:1 die Schärfentiefe von 0,2mm (f/2.8) bis 1mm (f/16) reicht. Danach beginnt die Diffraktion die Bildqualität zu beeinflussen. Selbst bei einer Blende von f/16 kommt also maximal ein scharfer Bereich von 1mm zustande. Aus diesem Grund habe ich mich für das Fokus Stacking entschieden. Um derart präzise arbeiten zu können, benötigt man zumindest bei dieser Vergrößerung ein vernünftiges Stativ und einen Makroschlitten. Also habe ich den Makroschlitten auf meinen Stativkopf aufgeschraubt.

Novoflex CASTEL Q Einstellschlitten

Novoflex CASTEL-Q Einstellschlitten

Als gewünschte Schärfentiefe für dieses Motiv habe ich knapp 10mm geschätzt. Um die Belichtungszeiten nicht unnötig zu verlängern und die Bildqualität hoch zu halten, habe ich mich für eine Blende von f/8 entschieden. Meine Tabelle sagt für diese Konstellation von Blende und Maßstab eine Schärfentiefe von etwas mehr als 0,5mm voraus. Damit ergeben sich für das komplette Bild ungefähr 20 Aufnahmen. Aufgrund der Modifizierung meines Makroschlittens kann ich den Vortrieb in Schritten von 0,1mm bewegen und auf der Skala ablesen. So habe ich am Ende 22 Bilder mit einem Abstand von jeweils 0,5mm aufgenommen. Noch einmal die zusammengefassten technischen Details:

    • Stativ
    • Manueller Aufnahmemodus
    • Manueller Fokus
    • Brennweite 65mm
    • Blende f/8
    • Verschlußzeit 2sec (pro Bild)
    • ISO 100
  • 22 Bilder im Abstand 0,5mm.

Nachbearbeitung

Im Prinzip ist in der Nachbearbeitung nicht mehr allzuviel Arbeit notwendig. Ich habe alle Bilder in Photoshop Lightroom 5 als DNG importiert. Dort habe ich zunächst den Weißabgleich verändert, so dass die Flechte auch wirklich gelb erscheint. Anschließend habe ich noch den Kontrast etwas erhöht und die Belichtungen aller Bilder angepasst. Das geht in Lightroom glücklicherweise automatisch. Damit war der erste Schritt in Lightroom beendet und ich habe alle Bilder als Ebenen in Photoshop CS6 geöffnet. Per Menü werden dann die Ebenen automatisch ausgerichtet, was etwas dauern kann. Im Anschluss erfolgt das automatische Überblenden, welches länger dauert als das automatische Ausrichten. Um Rechenzeiten zu minimieren, kann man nun alles auf eine Ebene reduzieren. Da nach dem Ausrichten der äußerste Rand durch das Bewegen der Kamera auf dem Makroschlitten hervorgerufene Lücken aufweist, sollte man jetzt gleich das Bild entsprechend zurechtschneiden. Anschließend abspeichern, weiter gehts in Lightroom. Nach dem Import in Lightroom erfolgt nun noch das Schärfen und eventuell lokale Verbesserungen. Das wars!

Biologie

Wie bereits erwähnt haben mich nun auch die Flechten etwas in ihren Bann gezogen. Darum möchte ich ein paar Takte aus dem Blickwinkel der Biologie zu dem Bild sagen. Wie Ihr vielleicht wißt, ist eine Flechte eine symbiotische Beziehung zwischen einem Pilz (genauer gesagt einem Schlauchpilz) und einer Alge. Zur Vermehrung produziert der Pilz die Kelchartigen Formen, die auf dem Bild erkennbar sind. Dies sind die Fruchtkörper, die Apothecien genannt werden. Dort werden die Sporen produziert und anschließend auf die Reise geschickt. Die Gewöhnliche Gelbflechte ist eine überaus weit verbreitete und häufig vorkommende Art in Deutschland. Für mich ist es immer wieder interessant, was man bei entsprechender Vergrößerung so alles entdecken kann. Daher, Augen auf!

Ich hoffe, dass ich Euch mit diesem Beitrag etwas sensibilisieren und Euer Interesse wecken konnte. Bis zum nächsten Mal!

Andreas Sebald

Seit meiner Kindheit bin ich begeisterter und immer wieder von neuem staunender Naturliebhaber. Aus dieser Leidenschaft haben sich im Laufe der Jahre meine beiden Hobbies entwickelt, das Wandern und die Naturfotografie. Diesen beiden Themen ist auch mein Internet-Auftritt gewidmet.

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